Aus der Geschichte des Bahnhofs Stöberhai
Der Verkehr auf der Südharz-Eisenbahn zwischen Braunlage und Walkenried wurde am 15. August 1899 aufgenommen. Die Streckenlänge betrug 24,16 km bei einer maximalen Neigung von 1:25. Ausgehend vom Bahnhof Walkenried (275 m ü. NN) verlief die Bahntrasse durch das Wiedatal parallel zur Fernverkehrsstraße nach Wieda, wo sie nacheinander den Haltepunkt Zündholzfabrik (später Wieda-Süd) sowie entlang der Wieda und der Ortslage die Bahnhöfe Wieda und Wiedaer Hütte erreichte. Oberhalb Wiedas begann der steilste und schönste Streckenabschnitt am Hang des Steigers, der hinaufführte zum Weinglastal, das in weitem Bogen bis zur Station Stöberhai ausgefahren wurde. In den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Bahn nahmen der Personen- und der Güterverkehr ständig zu. Im Jahre 1911 wurden bereits 260.000 Personen befördert.
In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg wirkte sich der wachsende Kraft-fahrzeugverkehr nachteilig auf den Bahnbetrieb aus, so dass der Umfang des Personen- und Güter-verkehrs aus den Vorkriegsjahren nicht mehr erreicht wurde. Nach dem 2. Weltkrieg kam es zunächst zu einer erheblichen Ausweitung des Personenverkehrs auf der Strecke Braunlage-Walkenried, jedoch zu einem Rückgang des Güterverkehrs. Mit Zunahme der Motorisierung und Verlagerung des Personen- und Güterverkehrs auf die Straße in den fünfziger Jahren zeichnete sich das Ende des Schienenverkehrs der Südharz-Eisenbahn-Gesellschaft ab. Aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit wurden der Personenverkehr auf der Schiene am 30. September 1962 und der Güterverkehr auf der Strecke am 3. August 1963 endgültig eingestellt und der Schienenstrang danach demontiert.
Die offiziell als "Haltestelle Stöberhai" geführte,
bei Kilometer 10,45 in 463 m ü. NN liegende Station am Weinglastal wurde im Volksmund stets als "Bahnhof Stöberhai" bezeichnet. Sie lag, wenn man mit dem Zug von Walkenried her kam, am Ende eines weiten Bogens mit einem Radius von nur 60 m. Kurz vor dem Stations-gebäude durchfuhr der Zug zwei künstlich angelegte Felseinschnitte. Errichtet wurde das erste Stationsgebäude nach einer Meldung der "Bad Sachsaer Nachrichten" vom 30.10.1900 im letzten Viertel des Jahres 1900:
"Die Direction der Südharz Eisenbahn (H. Bachstein Berlin) hat in dankenswerther Weise den Wünschen des Hotelbesitzers Panse - Stöberhai, sowie zahlreicher Touristen Folge gegeben. Sie läßt bei der Haltestelle "Stöberhai", wo im Sommer, namentlich Sonntags, Hunderte von Passagieren ein- und aussteigen, aber weder Wartehallen noch Bänke zur Erholung vorhanden waren, ein Stationsgebäude mit Fahrkartenverkauf und Restauration erbauen, welches noch in diesem Jahre fertiggestellt ist."
Lange sollte dieses erste Gebäude nicht stehen. Auf ungeklärte Weise brannte es in der Nacht vom 16. zum 17. Januar 1907 bis auf die Grund-mauern nieder. Aber schon Mitte April hieß es in der Zeitung, mit dem Wiederaufbau werde "in allernäch-ster Zeit" begonnen. Das Gebäude solle diesmal größer ausgeführt werden, ähnlich dem Dienstgebäude Brunnenbachsmühle mit Dienstraum, Warteraum und Veranda im Erdgeschoss und einer Wohnung für den Wirt im Obergeschoss, so dass auch Platz sei für eine Anzahl "Sommerfremder". So kam es auch. Die Bahnhofsgaststätte, bis 1910 vom "Bahnhofswirt" Denecke, danach von dem ehemaligen Former Karl Mast und seiner Frau betreut, erfreute sich
bald eines Zuspruchs, der über die Funktion einer bloßen Wartehalle weit hinausging. Im Jahre 1913 wurde ein Nebengleis dem Verkehr übergeben, so dass die Züge fortan auch auf der Station Stöberhai kreuzen konnten. Der Heimatfreund Gerhard Pfeiffer (Bad Sachsa), dessen Eltern ab 1. April 1935 den "Bahnhof Stöberhai" von der Familie Mast übernahmen und bis 1957 bewirtschafteten, erinnerte sich vor Jahren an beschauliche Zeiten und schrieb:
""Hin und wieder ergab es sich, daß Gönner im Zuge saßen, und wenn Dampf gemacht werden mußte, wurde vom Bahnhof Wiedaer Hütte vom Bahnhofsvorsteher Grenzel zum Bahnhof Stöberhai mit einem Handkurbeltelefon durchgegeben, daß 10 Bier und 10 Nordhäuser (Korn) bereitgestellt werden sollten, was auch geschah. Während der Heizer die Lokomotive aufheizte und Dampf machte, tranken Zugführer, Lokomotivführer und Gönner in aller Seelenruhe ihre Biere und Schnäpse aus. Damit noch nicht genug, meine Mutter mußte dann in Brunnenbachsmühle, der übernächsten Station der SHE, durchläuten und noch einmal Bier und Nordhäuser bestellen. ...
Meine Mutter verkaufte Fahrkarten und bewirtete die Gäste. Mein Vater arbeitete in der Rotte und war Streckenläufer, dafür erhielt er einen Pfennig mehr Stundenlohn ... Stöberhai war eine Bedarfshaltestelle. Wollte jemand den Zug benutzen, wurde eine rot-weiße Scheibe aufgehängt, bei Dunkelheit eine rote Lampe. Elektrisches Licht gab es auf dem Stöberhai damals nicht. Jeden Tag mussten die Petroleumlampen geputzt werden. 1952 ließ mein Vater Gas für einige Räume legen. ... Meine Mutter hatte nicht nur den Betrieb im Hause zu bewältigen, sie mußte auch noch zwei Ziegen und ein Schwein versorgen. Wiesen und Kartoffelacker waren Angelegenheit meines Vaters und mir. ... Unser großer Nachbar war das Hotel Stöberhai, der Brocken des Südharzes mit seinen 719 m Höhe. Die Entfernung zum Hotel Stöberhai betrug nur 1,3 km, aber es mußten immerhin ca. 260 m Höhenunterschied überwunden werden, also ein steiler Anstieg. An Sonn- und Feiertagen kamen besonders aus Nordhausen und auch aus Ellrich viele Gäste mit dem Zug um 10.35 Uhr, um zum Hotel Stöberhai zu wandern. Sie gingen über den "Nordhäuser Stieg" - heute leider zugewachsen - auf den Berg. Ich erinnere mich an eine Abmachung mit dem damaligen Hotelbesitzer Meyer: Von der (Forst-) Abteilung 36 konnte man von einem Punkt, unweit vom Hotel, den Bahnhof einsehen, denn die Fichten waren noch klein und überschaubar. Waren nun viele Gäste ausgestiegen auf dem Bahnhof, so schwenkten wir ein rotes Tuch aus unserem Bodenfenster, und waren es nur wenige, so zeigten wir ein weißes. Man konnte sich im Hotel einrichten und schälte entsprechend dem Signal mehr oder weniger Kartoffeln.."
Nach der Familie Pfeiffer übernahmen Walter Hopfstock und Frau die Bewirtschaftung der Station und Waldgaststätte und nach Stillegung der Bahn 1963 betrieben sie als Pächter viele Jahre erfolgreich das Gasthaus mit angeschlossener Wildfütterung. Letztere war bereits in den fünfziger Jahren eingerichtet worden. Nach der Familie Hopfstock wechselte die Bewirtschaftung häufiger, bis das Haus im Jahre 2005 von der Familie Höche käuflich erworben wurde.
(Text gekürzt nach: Klaus Pfeiffer, Wieda)
Quellen und Literatur:
M. Bornemann: "Die Südharz-Eisenbahn", Clausthal-Zellerfeld 1981
H. Röper, H. Becker, W. Dill, G. Zieglgänsberger: "Die Harzquer- und Brockenbahn und die Südharzeisenbahn", Berlin 1992 (3. erweiterte Auflage, ISBN 3-344-70747-7)
W. Dörner, O. Kurbjuweit, J. Steimecke: "Harzer Schmalspurspezialitäten", Hamm 2004 (ISBN 3-936923-01-9)
"Bad Sachsaer Nachrichten" ab 1888 (Stadtarchiv Bad Sachsa)
Gerhard Pfeiffer: "Die Kleinbahn fuhr zum Stöberhai" (Maschinenschriftl. Bericht, 1985)